Leitbild des Max Mannheimer Studienzentrums

Angesichts der geschichtlichen Bedeutung und der menschlich-moralischen Dimension des begangenen Unrechts ist es eine fortwirkende Verpflichtung, gerade auch gegenüber den nachfolgenden Generationen, die geschichtlichen Ereignisse wahrheitsgemäß darzustellen und zu vermitteln, die Erinnerung an die Leiden der Opfer lebendig zu erhalten, darüber hinaus aber auch einsichtig zu machen, in welchem Maße die Erfahrungen aus der NS-Zeit für unsere heutige Staats- und Gesellschaftsordnung bestimmend geworden sind und welche Verantwortung daraus für die Gestaltung einer menschenwürdigen Zukunft erwächst.

(Aus der Stiftungssatzung vom 14. November 1991)

Ich komme als Zeuge jener Zeit, nicht als Richter oder Ankläger. Ich erkläre den Schülern, dass sie nicht die Verantwortung tragen, was geschehen ist, wohl aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Ich hoffe, dass durch meinen Beitrag junge Menschen sensibel bleiben für alle Entwicklungen, die Demokratie und Menschenrechte gefährden.

(Max Mannheimer, 1920 -2016)

Das Max Mannheimer Studienzentrum ist eine außerschulische Einrichtung der historisch-politischen Bildung in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Es ist benannt nach dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer und ist seinem Vermächtnis der Erinnerung an das Leid der Opfer nationalsozialistischen Terrors und seiner Botschaft für Verständigung und Toleranz verpflichtet.
Die kritische Auseinandersetzung und Bezugnahme auf die Entstehungs- und Ereignisgeschichte des Nationalsozialismus sowie dessen Nach- und Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart hinein sind zentrale Bestandteile aller Bildungsangebote der Einrichtung. Diese gliedern sich in drei Formate:

  • Ein- und mehrtägige Studienprogramme für Jugendliche und Multiplikator_innen
  • Trans- und internationale Studienprogramme, Jugendbegegnungen und Projekte
  • Pädagogisch-wissenschaftliche Fachveranstaltungen und Publikationen

Das Max Mannheimer Studienzentrum verortet sich als pädagogische Einrichtung im heutigen Lern- und Erinnerungsort Dachau und engagiert sich in lokalen und regionalen Initiativen ebenso wie in bundesweiten und internationalen Fachkreisen zu Gedenkstättenpädagogik und Erinnerungskultur.

Von wem für wen

 

Die Bildungsangebote des Max Mannheimer Studienzentrums adressieren Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren aus Schule und Jugendarbeit sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Bildungs- und Erinnerungsarbeit.
Alle pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Max Mannheimer Studienzentrums verständigen sich fortlaufend über eine gemeinsame pädagogische Haltung, inhaltliche Zielsetzungen und methodische Vorgehensweisen. Dieser Verständigungsprozess reflektiert aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse ebenso wie die Interessen und Ansprüche von Programmteilnehmenden und die sich wandelnden Bedingungen historisch-politischen Lehrens und Lernens.
Im Hinblick auf die Vermittlungstätigkeit ist es Konsens der Pädagoginnen und Pädagogen, aktuelle Formen von Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und anderen menschenfeindlichen Strukturen und Einstellungen zu definieren und dazu kritisch Position zu beziehen.
Die KZ-Gedenkstätte Dachau ist ein internationaler Erinnerungsort, an dem sich vielfältige kulturelle, historische und politische Narrative manifestieren. Internationale Projekte und Jugendbegegnungen sind mit der Gründungsidee des Max Mannheimer Studienzentrums fest verbunden. Sie ermöglichen den Teilnehmenden zu verstehen, dass Geschichte und Erinnerung an Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg unterschiedliche historische Erfahrungen und Deutungen einschließen, die bis in die Gegenwart hinein aktuelle (Konflikt)Geschichte in Europa und weltweit beeinflussen.
Das Ausbilden individueller Urteilsfähigkeit in Bezug auf historische und politische Fragestellungen bedeutet für die Programmteilnehmenden einen wichtigen Beitrag zum sozialen Lernen und fördert ein demokratisches Werteverständnis und gesellschaftliche Partizipation.

Inhalte und Ziele

 

Kern und Ausgangspunkt des historisch-politischen Lernens im Max Mannheimer Studienzentrum ist die Ereignis- und Wirkungsgeschichte des KZ Dachau als Terrorinstrument im Kontext nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik.
Die Erinnerung an Menschen, die im KZ Dachau inhaftiert waren, an ihre Leidensgeschichte, an Selbstbehauptung und Widerstand, ist wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit. Individuelle Biografien machen die Realitäten von Ausgrenzung, Verfolgung und Lagerhaft sichtbar. Die Auseinandersetzung mit den Opfern als selbstbestimmten Akteurinnen und Akteuren fördert Empathie und Verständnis.
Täterschaft und justizielle Ahndung dieser Täterschaft sind Teil der Geschichte des Ortes. Im Umgang mit dieser Geschichte nach 1945 spiegeln sich die kontroversen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit den nationalsozialistischen Verbrechen ebenso wie die Erfahrungen gesellschaftlicher Diskriminierung und Marginalisierung von Gruppen ehemals Verfolgter.
Im partizipativen Bildungsprozess entwickeln Teilnehmende vom Standpunkt ihrer eigenen Lebenswelt ausgehend ein individuelles Interesse an Geschichte. Ein historisch informierter kritischer Blick unterstützt bei der Analyse und Bewertung aktueller gesellschaftspolitischer Ereignisse.
Das Max Mannheimer Studienzentrum verknüpft inhaltliche Vermittlungsziele eng mit den angewandten didaktischen Methoden in einem gruppendynamischen Lernprozess. Ziel aller Angebote ist es, durch neue Perspektiven sich selbst und eigene Prägungen besser zu verstehen und zu reflektieren sowie differente und auch widersprüchliche Wahrnehmungen und Narrative angemessen beurteilen und eine eigene Haltung dazu entwickeln zu können.

Methodische Prinzipien

 

Das Max Mannheimer Studienzentrum schafft als außerschulische Bildungseinrichtung eine Lernumgebung, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer frei von Leistungskriterien mit den Pädagoginnen und Pädagogen zusammenarbeiten. Es entstehen offene Kommunikationsräume, in denen mittels vielfältiger Methoden und Materialien die Fähigkeit zur Entwicklung eigener Fragen an die Geschichte vermittelt wird.
Kleine Arbeitsgruppen eröffnen Lern- und Gesprächshorizonte für den konstruktiven Austausch und die Diskussion. Diversität in der Gruppe ist eine positive und produktive Selbstverständlichkeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können in allen Programmen ihre persönlichen Interessen einbringen.
Das ausführliche Kennenlernen und selbständige Entdecken der KZ-Gedenkstätte Dachau ist ein zentrales Element der Programmgestaltung. Dazu werden Methoden des forschenden Lernens angewandt. Multiperspektivische Zugänge zum historischen und zum gegenwärtigen Ort, die Zeugnisse von Opfern und Überlebenden sowie Quellen zu den historischen Orten unterstützen die Teilnehmenden dabei, zu eigenen Deutungen der Vergangenheit zu gelangen und Bezüge zur Gegenwart herzustellen.
Für die pädagogische Arbeit des Max Mannheimer Studienzentrums ist die Bildung des Individuums in einem Raum ständiger Interaktion und Partizipation besonders wichtig. Die Intensität der Bildungsprogramme kann langfristige Lernprozesse anstoßen. Dadurch entstehen Fragestellungen, die über den Ortsbezug und die historische Dimension hinaus bis in die Gegenwart reichen. Das Max Mannheimer Studienzentrum ist dabei stets offen für neue Methoden und Konzepte, arbeitet innovativ und experimentell.

Dachau, Herbst 2016

Leitbild des Max Mannheimer Studienzentrums

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Anstehende Veranstaltungen

  1. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte 2017

    13. Oktober | 12:30 - 14. Oktober | 14:00