Bericht zur Gedenkveranstaltung für Max Mannheimer

Inzwischen sieht die Halle des Jugendgästehauses wieder ganz normal aus. Wären da nicht die Banner am Ende der Halle, vor denen die Gäste des Max Mannheimer Studienzentrums sowie der Jugendherberge immer wieder stehen bleiben. Auf ihnen haben die verschiedenen Institutionen der Dachauer Erinnerungskultur ihre Erinnerungen an Max Mannheimer in Form von Fotos festgehalten und damit einen passenden Rahmen für die große Feier geschaffen, die am 17.11.2016 bei uns im Haus stattfand. Gut 240 Gäste drängten sich auf Stühlen, auf der Treppe und der Empore oder standen im Eingangsbereich, um der Veranstaltung beizuwohnen, welche gemeinsam vom Comité International de Dachau, Dachauer Forum e.V., Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau,, Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau e.V., Lagergemeinschaft Dachau, Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau, Kloster Karmel Heilig Blut, KZ-Gedenkstätte Dachau, Stiftung Bayrische Gedenkstätten, Stadt Dachau und dem Max Mannheimer Studienzentrum vorbereitet worden war.

Professionell durch das über zwei Stunden dauernde Programm führten die ebenfalls eng mit Max Mannheimer verbundenen Journalist_innen Stefan Scheider und Sybille Kraft. Sie interviewten in der Folge zahlreiche Weggefährt_innen Max Mannheimers, die ganz unterschiedliche Facetten seiner Persönlichkeit betonten. In zwei Filmen von Schwester Elija Bostel sprach Max Mannheimer noch einmal zum Publikum, das ihn so bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz und in seinem Atelier begleiten konnte. In den Filmen kam vor allem auch die ernsthafte Seite des Holocaustüberlebenden zum Ausdruck, die auch viele Redner_innen trotz der Betonung seines besonderen Humors nicht vergessen wissen wollten. Auch ein früher persönlicher Text – verlesen von Franziska Müller – rief den Gästen den Schmerz in Erinnerung, den er sein Leben lang mit sich trug. Die Weggefährten und Holocaustüberlebenden Aba Naor und Ernst Grube sprachen ebenfalls eindrücklich von ihren Erfahrungen mit Max Mannheimer und betonten sowohl seine Rolle als Vorbild, wie auch als unermüdlichen Kämpfer in politischen Fragen.

Der Abend machte noch einmal deutlich, wie schwer der Verlust von Max Mannheimer wirkt. Egal ob Vater, Freund, Bekannter oder Vorbild, alle Beteiligten haben einen angemessenen Rahmen geschaffen, in dem von Max Mannheimer Abschied genommen werden konnte.

Steffen Jost, 22.11.2017

Gesichter der Stadt – Facetten der Erinnerung

Gesichter der Stadt – Facetten der Erinnerung

Hannah Brauchle, die dieses Jahr ein FSJ Kultur im Max Mannheimer Studienzentrum absolviert, hatte im November 2016 die Möglichkeit an einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung in Oświęcim teilzunehmen. Für uns hat sie einen Bericht verfasst.

Durch die Kamera sich der Geschichte annähern… funktioniert das? Um das herauszufinden trafen sich 25 Jugendliche aus Polen und Deutschland im Dezember 2016 in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim und nahmen an einem Fotoseminar teil. Die Woche stand unter dem Motto „Gesichter der Stadt – Facetten der Erinnerung“.

Um die verschiedenen Gesichter der Stadt kennenzulernen, befassten wir uns intensiv mit der 800 Jahre langen Geschichte von Oświęcim. Das Programm beinhaltete auch  mehrmalige Besuche des Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau. Wir besichtigen auch den jüdischen Friedhof und die einzige noch existierende Synagoge. Vor dem 2.Weltkrieg lebten in der Kleinstadt 8.000 Jüdinnen und Juden, heute wird die Synagoge nur noch von Besucher_innen genutzt. Darüber hinaus erkundeten wir die Innenstadt, wärmten uns in Cafés auf und bekamen ganz oben vom Turm der Burg Oświęcim nochmal einen besonderen Blick auf die Stadt.

In den letzten Tagen ging es darum selber hinter der Kamera zu stehen und uns so mit den Orten auseinanderzusetzen. Unterstützung bekamen wir von Paweł Sawicki, dem Fotografen des staatlichen Museums Auschwitz, An einem Abend hatte unsere Gruppe die Genehmigung außerhalb der Öffnungszeiten die Gedenkstätte Auschwitz I zu besuchen. In der Dunkelheit entstanden so ganz besondere Nachtaufnahmen, wobei ich auch ziemlichen Respekt vor der ganzen Sache gehabt zu haben.

Als Abschluss der Woche bereiteten wir eine Ausstellung mit unseren Fotos vor, bei der jede_r Jugendliche_r aus seinen vielen Aufnahmen ein einziges Bild auswählte. In der Auswahl zeigte sich ein vielschichtiges, fast buntes Bild von Oświęcim. Das führte wiederum in unser Gruppe zu Diskussionen: Darf man das überhaupt? Schließlich schaffte es sogar das grellorange, fröhliche Bild von der Stadt in die Ausstellung und nach der erfolgreichen Eröffnung waren wir alle ziemlich stolz auf unser Werk. Und auch wenn die Kommunikation zwischen den Teilnehmenden nicht ganz einfach war , war es am Ende nicht einfach cześć beziehungsweise tschüss zu sagen.

Wieder zurück im Max Mannheimer Studienzentrum kann ich sagen, dass ich viel Spaß hatte, viel gelernt habe und noch lieber Schüler_innen die Fotoapparate auch auf der Gedenkstätte auspacken lasse.

Nachruf: Zum Tod von Max Mannheimer (1920-2016)

Am Vormittag des 24. Juni diesen Jahres hat Max Mannheimer zum letzten Mal das Jugendgästehaus Dachau besucht und mit einer Schulklasse aus Köln im Rahmen eines Studienprogramms des nach ihm benannten Studienzentrums ein Zeitzeugengespräch geführt. Nina Ritz, pädagogische Leiterin des Hauses, hatte einen gut gelaunten Max Mannheimer am Morgen zuhause abgeholt, auf der Autofahrt nach Dachau wurde gescherzt und Max Mannheimer überwachte akribisch das Navigationsgerät. Die Kölner Schülerinnen und Schüler lauschten seinem Bericht so gespannt, dass man im Seminarraum eine Stecknadel hätte fallen hören können und anschließend wurden derart viele Fragen gestellt, dass das Gespräch die geplante Dauer weit überschritt. Zur Mittagszeit wurde Max Mannheimer von seiner Vertrauten Schwester Elija Boßler vom Kloster Karmel Heilig Blut abgeholt. Nachdem Rollstuhl und Tasche im Auto verstaut waren, verabschiedete er sich wie üblich mit Küsschen auf die Wange und einem knappen „Servus“. Die Termine für die nächsten Zeitzeugengespräche waren im Kalender eingetragen, die Einladung zur Internationalen Jugendbegegnung im August und auch zur Sitzung des Stiftungsbeirats Anfang Oktober an das Mitglied Max Mannheimer als Vertreter der Lagergemeinschaft Dachau verschickt.

Max Mannheimer ist nun am 23. September 2016 verstorben. Im hohen Alter von 96 Jahren und doch kann man sagen: mitten aus dem Leben gerissen und viel zu früh. Vieles ist bereits über ihn gesagt und geschrieben worden. Die glückliche Kindheit und Jugend des Kaufmannssohnes im damals tschechoslowakischen Neutitschein, die Verfolgung nach dem Einmarsch der Deutschen, die im Jahr 1938 ihren Anfang nahm, die Demütigungen, die Misshandlungen, die Folter, die er in den Konzentrationslagern erleiden musste: Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und die Dachauer Außenlager Karlsfeld und Mühldorf waren Stationen seines Leidensweges. Jung verheiratet sah er seine Ehefrau Eva an der Rampe in Auschwitz zum letzten Mal, ebenso seine Eltern und die kleine Schwester Käthe. Auch Max Mannheimers Brüder Erich und Ernst überlebten die Strapazen in Auschwitz nicht. Von seiner gesamten Familie waren sein Bruder Edgar und er die einzigen Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors. Und hier, im Überleben und Weiterleben, mit dem Schmerz der Verluste und den Traumata der Erfahrungen, beginnt ein neues Leben von Max Mannheimer. Das Leben, das heute eine Vielzahl von Menschen quer durch die ganze Gesellschaft – Freunde, Weggefährten, Zuhörer, Prominente und die internationale Presse – dazu veranlasst, ihn in Traueranzeigen und Nachrufen als „herausragende Persönlichkeit“ und als „großartigen Menschen“ zu ehren. Oder, wie Charlotte Knobloch in ihrer wunderbaren Trauerrede das aus dem Jiddischen stammende größte Kompliment zitierte: Er war a Mentsch!

Es ist ein Leben des „trotzdem“, fast ein kleines Wunder. Max Mannheimer hat es vermocht, an Schmerz und Trauer nicht zu zerbrechen, die Menschheit, die zu solchen Gräueltaten fähig ist, nicht nurmehr als Firnis zu begreifen, sondern die eigenen Erlebnisse in eine positive Botschaft zu übersetzen, die an die Zukunft gerichtet ist. Geholfen hat ihm auf diesem Weg seit den 1950er Jahren das Malen und auch wenn er sich im eigentlichen Sinne nicht als Künstler begriff, so signierte er seine Bilder mit einem Künstlernamen: ben jakov, Sohn des Jakob, zu Ehren seines ermordeten Vaters. Nachdem Max Mannheimers biografische Aufzeichnungen als „Spätes Tagebuch“ Mitte der 1980er Jahre unter anderem von der damaligen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Barbara Distel veröffentlicht worden waren, führte er Gespräche als Zeitzeuge mit Tausenden von Menschen. Hier waren es besonders die Jugendlichen, die ihm am Herzen lagen und für die er seine Botschaft auf den Punkt brachte: „Ich komme als Zeuge jener Zeit, nicht als Richter oder Ankläger. Ich erkläre den Schülern, dass sie nicht die Verantwortung tragen, was geschehen ist, wohl aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Ich hoffe, dass durch meinen Beitrag junge Menschen sensibel bleiben für alle Entwicklungen, die Demokratie und Menschenrechte gefährden.“

Es war diese unnachahmliche Art, seine Offenheit und Direktheit, mit der Max Mannheimer die Menschen einnehmen und für seine Anliegen gewinnen konnte. Er verschreckte sie nicht durch brüske Konfrontation, sondern machte sie mit viel Klugheit und hintergründigem Humor zu Komplizinnen und Komplizen. Er vertrat feste Überzeugungen und Standpunkte und kommunizierte zugleich über alle interkulturellen, interreligiösen und politischen Grenzen hinweg zugunsten von Humanität und einem friedlichen Zusammenleben. Viel war von dem Brückenbauer Max Mannheimer die Rede, aber dieses Bild ist nicht vollständig. Max Mannheimer hat Brücken nicht nur gebaut, sondern auch vorgelebt, wie man über sie geht und hat damit ihre Tragfähigkeit bewiesen. Inspiriert von der Begegnung mit Max Mannheimer, gaben unzählige Menschen seine Botschaft weiter. Sie übersetzten sein „Spätes Tagebuch“ in zahlreiche Fremdsprachen, sie gestalteten Ausstellungen zu seinem Leben und dem künstlerischen Werk, sie porträtierten ihn in Bildern und Geschichten, sie erzählten weiter, was er ihnen erzählt hatte.

Für seine Lebensleistung ist Max Mannheimer mit einer Vielzahl von Preisen und Ehrungen ausgezeichnet worden. Doch entscheidend ist das Vermächtnis, das er hinterlässt. Für uns, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Studienzentrums im Jugendgästehaus Dachau, das seinen Namen trägt, ist sein Tod ein unersetzlicher und schmerzlicher Verlust. Max Mannheimer hat sich seit Mitte der 1980er Jahre gegen große Widerstände beharrlich für die Errichtung einer Jugendbegegnungsstätte in Dachau eingesetzt. Über die Jahre ist er dabei für viele zum Freund geworden. Er war stets eine wichtige Stütze für die Wahrung und Gestaltung des pädagogischen Auftrags des Hauses. Sein Vermächtnis ist die Bildungs- und Erinnerungsarbeit zum Nationalsozialismus, der Einsatz gegen das Vergessen des Leids der Opfer und für Verständigung und Toleranz im Umgang miteinander. Wir werden den Menschen Max Mannheimer nicht ersetzen könnten, aber sein Vermächtnis bleibt unser Auftrag und sein Vorbild unsere Motivation.

Nina Ritz, 28. September 2016

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